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Botulinumneurotoxine in der Behandlung von Glattmuskeldysfunktion des Magen-Darm-TraktsBeratender Herausgeber EinführungDie meisten Forschungsarbeiten zur Verwendung von Botulinumneurotoxinen (BoNT) bei Glattmuskeldysfunktion haben sich auf urologische und Magen-Darm-Anwendungen konzentriert. Magen-Darm-Anwendungen der BoNT-Therapie umfassen die Behandlung von Kardiaachalasie, chronischer Analfissur, Oddi-Sphinkter-Dysfunktion und verschiedener anderer Störungen. Die BoNT-Therapie für urologische Störungen wurde in der Behandlung von Detrusor-Sphrinkter-Dyssynergie und refraktärer überaktiver Blase mit Dranginkontinenz untersucht. Die allgemeine Annahme bei der Anwendung von BoNT in diesen Störungen ist, dass es die cholinergische Neurotransmission an das Glattmuskelgewebe hemmt. Ausgehend von vorliegenden älteren Berichten zu Botulismus und In-vitro- Belegen zur BoNT-bedingten Interferenz der cholinergischen Signale im myenterischen Nervensystem untersuchten Pasricha et al. die Wirkung von BoNT auf die Magen-Darm-Glattmuskulatur im Lebend-Tiermodell (Pasricha et al., 1993). Diese Studie wies nach, dass BoNT ein wirksamer Hemmer des unteren Ösophagussphinktertonus im Ruhezustand ist und stellte die Grundlage dar für die ersten klinischen Prüfungen von BoNT für spastische Störungen des Magen-Darm-Trakts (Pasricha et al., 1994; Pasricha et al., 1995) sowie anschließende Anwendungen für andere Glattmuskelziele, insbesondere die im Harntrakt, wie z. B. überaktive Blase und damit verbundene Störungen. Der Einsatz von BoNT zur Entspannung überaktiver Glattmuskelsphinkter wurde unter anderem zur Therapie von Achalasie, chronischer Analfissur, Gastroparese und Postcholezystektomieschmerzsyndrome angewandt. Diese Anwendungen von BoNT stellen einen neuen Ansatz zur Behandlung von spastischer Magen-Darm-Motilität dar. AchalasieAchalasie ist eine der am besten beschriebenen primären ösophagealen Motilitätsstörungen im Zusammenhang mit abnormer Relaxation des unteren ösophagealen Sphinkters (LES) und mit Schlucken und dysfunktionaler oder ganz fehlender Peristaltik im Ösophaguskörper (Garofalo und Pofahl, 2002; St. Peter und Swain, 2003). Die Ätiologie der Störung ist noch nicht bekannt, aber es wird angenommen, dass ein selektiver Verlust der postganglionischen inhibitorischen Neuronen des myenterischen Plexus des Ösophagus und des unteren ösophagealen Sphinkters (LES) sowie die Persistenz von exzitatorischen postganglionischen cholinergischen Neuronen daran beteiligt sind (Garofalo und Pofahl, 2002; Mikaeli et al., 2004). Dieses pathophysiologische Ungleichgewicht bei der Neurotransmitterfreisetzung ist für die hohen LES-Drücke und die Unfähigkeit des unteren ösophagealen Sphinkters (LES), sich zu entspannen, verantwortlich. Häufige Symptome von Achalasie sind zum Beispiel Dysphagie (82 % bis 100 %), Regurgitation (56 % bis 97 %), Gewichtsverlust (30 % bis 91 %), Brustschmerzen und Sodbrennen. Die Symptome können auch Erbrechen, Reflux, Erstickungsanfälle und Husten umfassen (Garofalo und Pofahl, 2002; St. Peter und Swain, 2003; Kaufman und Oelschlager, 2005). Diese Störung wird anhand von radiologischen, histologischen und manometrischen Befunden in Verbindung mit klinischen Anzeichen und Symptomen diagnostiziert (St. Peter und Swain, 2003). Röntgenuntersuchungen mit Barium zeigen in der Regel eine sich glatt verschmälernde Stenose des distalen Ösophagus und proximale Dilatation (Abb.)
Abb. Kontrastmittelstudie, die einen dilatierten Ösophaguskörper (5,3 mm) und eine enge gastroösophageale Junktion von 4 mm aufzeigt. Das sind klassische Befunde bei Patienten mit Achalasie. Nachdruck mit frdl. Genehmigung von St. Peter SD, Swain JM. Achalasia: a comprehensive review. Surg Laparosc Endosc Percutan Tech. 2003;13:227-240. Ösophagus-Manometriestudien zeigen fehlende Peristaltik im Ösophaguskörper und unvollständige oder fehlende Relaxation des unteren ösophagealen Sphinkters (LES). Wenn chirurgische Proben zur Untersuchung verfügbar waren, wurde in der Regel ein Verlust der enterischen Neuronen im Ösophagus beobachtet, der die inhibitorischen myenterischen Ganglionzellen des Plexus unverhältnismäßig beeinträchtigt (St. Peter und Swain, 2003; Mikaeli et al., 2004). Aktuelle BehandlungsoptionenKeine der gegenwärtig verfügbaren Therapien für Achalasie ist in der Lage, die zugrunde liegende Neuropathologie und Aperistaltik im Zusammenhang mit beeinträchtigter LES-Relaxation umzukehren. Das Ziel der aktuellen Behandlungen ist die Reduktion des LES-Drucks mit resultierender Symptomlinderung durch Unterstützung der Ösophagusentleerung durch Schwerkraft. Aktuelle Behandlungoptionen umfassen pharmakologische Mittel, pneumatische Ballondilatation, intersphinktere Botulintoxininjektion, offene chirurgische Myotomie und minimal invasive chirurgische Ansätze (Hoogerwerf und Pasricha, 2001; Garofalo und Pofahl, 2002; Martínek und Špičák, 2003; Mikaeli et al., 2004; Kaufman und Oelschlager, 2005). Die pharmakologische Behandlung von Achalasie zielt auf die Reduktion des LES-Tonus oder Ruhedrucks und damit Abbau der funktionalen Obstruktion ab. Die am häufigsten verwendeten systemischen pharmakologischen Mittel sind Kalziumkanalblocker und Nitrate mit Langzeitwirkung. Anticholinergika (Atropin, Dicyclomin, Cimetropiumbromid), beta-adrenergische Agonisten (Terbutalin) und Theophyllin werden weniger häufig eingesetzt. Kalziumkanalblocker (Nifedipin, Isosorbiddinitrat) hemmen die Glattmuskelkontraktion und es wurde nachgewiesen, dass sie eine symptomatische Erleichterung bei 53 % bis 87 % der Achalasiepatienten herbeiführen. Die Verwendung dieser Mittel war jedoch durch persistierende Dysphagien, mangelhafte Langzeitwirkung und Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Hypotension und Fußödem eingeschränkt (Hoogerwerf und Pasricha, 2001; Garofalo und Pofahl, 2002). Nitrate mit Langzeitwirkung entspannen den Magen-Darm-Glattmuskel durch Erhöhung der Stickoxidkonzentration und Entspannung des normal kontrahierten unteren ösophagealen Sphinkters (LES). Diese Mittel sind wirksamere LES-Relaxantien als Kalziumkanalblocker, werden jedoch nicht so gut toleriert (Kaufman und Oelschlager, 2005). Endoskopische, pneumatische Ballondilatation ist die am häufigsten angewendete nicht operative Behandlung für Achalasie (Garofalo und Pofahl, 2002; Kaufman und Oelschlager, 2005). Das Verfahren verbessert nicht die LES-Relaxation, reduziert aber den Druck des unteren Ösophagussphinkters (LES) im Ruhezustand. Die Therapie kann eine gute Kurzzeitwirkung erzielen (eine prospektive Studie mit 16 Patienten ergab eine Remissionrate von 94 % nach 8 Monaten [Johnston et al., 1992]), jedoch fallen die Remissionsraten im Langzeitverlauf merklich ab. In einer Studie war die Therapie bei 80 % der Patienten nach 1 bis 4 Dilatationen wirksam und die Remissionsrate nach 5 Jahren betrug 51 % (Ponce et al., 1996). Eine weitere prospektive Studie einer einzelnen Dilatation bei 40 Patienten und 2 bis 3 Dilatationen bei 10 anderen Patienten ergab eine kurzfristige (< 1 Jahr) Remissionsrate von 83 % und eine Rate von 67 % nach 2 bis 7 Jahren (Boztas et al., 2005). Eine neuerliche prospektive Studie von 54 Patienten, die mit einer einzigen pneumatischen Dilatation behandelt wurden, zeigte eine Remissionsrate von 40 % im Zeitraum von 5 Jahren. Wiederholte Dilatationen erbrachten nur eine leichte Verbesserung des klinischen Ansprechens (Eckardt et al., 2004). Eine kürzlich durchgeführte Langzeitstudie berichtete eine Erfolgsrate von 74 % und 62 % nach jeweils 5 und 19 Jahren. Jedoch wurden 14 Patienten (20 %) einem zweiten Eingriff innerhalb eines Medians von 7 Monaten und 13 von ihnen weiteren Dilatationen innerhalb der ersten 2 Jahre unterzogen. 5 Patienten (7,5 %) erforderten weitere chirurgische und endoskopische Therapien. Es traten 3 Perforationen (4,5 %) ohne Todesfälle auf (Chan et al., 2004). Das Auftreten einer Ösophagusperforation, eine größere Komplikation dieses Eingriffs, wurde insgesamt bei 2,0 % bis 6,4 % der Patienten dokumentiert (Garofalo und Pofahl, 2002). Das Palliationsverfahren für Achalasie von längster Wirkung ist eine Myotomie des unteren Ösophagussphinkters (LES), die als offener Eingriff oder laparoskopisch durchgeführt werden kann. Die offenen abdominalen und offenen thorakalen Eingriffe habe eine Langzeitwirkung bei über 80 % der Patienten gezeigt (Garofalo und Pofahl, 2002). Die laparoskopische Myotomie ist heute die bevorzugte Methode. Sie ist durch eine vergleichbare Wirksamkeit und geringere Morbiditätsrate gekennzeichnet. Obwohl die Kurzzeitergebnisse der Myotomie beeindruckend sind, müssen die Patienten sorgfältig auf Entwicklung eines gastroösophagealen Refluxes (GER) hin überwacht werden, der selbst bei Verwendung einer partiellen Anti-Reflux-Fundoplikatio nicht selten ist. In einer Studie neueren Datums trat bei 48 % der Achalasiepatienten, die einer Myotomie unterzogen wurden, und bei 9 % der Patienten nach Myotomie mit Dor-Fundoplikatio (ein häufig durchgeführter Anti-Reflux-Eingriff) ein pathologischer gastroösophagealer Reflux (GER) auf (Richards et al., 2004). Botulinumneurotoxine in der Behandlung von AchalasieDie BoNT-induzierte Hemmung der Acetylcholinfreisetzung verbessert die widerstandslose cholinergische Stimulation, die für die Aufrechterhaltung des Drucks des unteren Ösophagussphinkers (LES) und Prävention der LES-Entspannung verantwortlich ist. Im letzten Jahrzehnt haben zahlreiche Studien die Wirksamkeit der BoNT-Injektionen zur Behandlung von Achalasie beurteilt. BoNT gilt aufgrund der reversiblen Wirkung des Toxins als palliative Kurzzeitbehandlung. Daher erfordert die Achalasiebehandlung mit BoNT wiederholte Injektionen. Klinische Studien zu Botulinumneurotoxin in der AchalasiebehandlungEvidenzbasierte AuswertungenEine Reihe von systematischen evidenzbasierten Auswertungen aller verfügbaren Achalasiebehandlungen wurden in den 1990er Jahren veröffentlicht. Diese Auswertungen kamen zu dem Ergebnis, dass Nitrate, Nifedipin und Botulinumtoxin am besten untersucht waren und sie die wirksamsten pharmakologischen Behandlungsoptionen darstellten. Eine einzige BoNT-Behandlung war klinisch wirksam bei ca. 85 % der Achalasiepatienten in kurzen Zeiträumen, jedoch waren die Effekte vorübergehend (Wirksamkeit von 30 % bis 60 % nach einem Jahr) und oftmals waren wiederholte Behandlungen notwendig. Es wurden bei Verwendung vergleichbarer Dosen keine Unterschiede in der Wirksamkeit der beiden BoNT-A-Präparate, die im Handel erhältlich waren, beobachtet. Es stellte sich heraus, dass unter den ausgewerteten nicht pharmakologischen Behandlungen die pneumatische Dilatation mit einem Perforationsrisiko von 3 % verbunden war und dass die Morbidität im Zusammenhang mit Thorakotomie als wesentliche Einschränkung der Myotomie galt. Durch die laparoskopische Ausführung des Verfahrens wurde jedoch die Morbidität der Operation reduziert (Bassotti und Annese, 1999; Spiess und Kahrilas, 1998). Klinische StudienDie klinischen Studien der BoNT-Therapie für Achalasie umfassen Open-Label-Studien, randomisierte placebokontrollierte Prüfungen und Vergleiche mit anderen Therapien, wie z. B. pneumatische Dilatation. Eine Reihe von Prüfungen wurden in den 1990er Jahren durchgeführt. In einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Prüfung von 21 Patienten zeigten diejenigen Patienten, die 80 Einheiten (E) BoNT erhielten, eine signifikante Reduktion des mittleren Symptomwertes im Vergleich zur Basislinie (P=0,002), während das nicht der Fall war bei den Patienten, die Placebos erhielten. Alle 21 Patienten erhielten letztendlich BoNT und nach 6 Monaten waren 14 Patienten (74 %) noch immer in Remission, davon 11 nach einer einzigen Injektion (Pasricha et al., 1995). In einer anderen prospektiven Studie mit 55 Patienten lag das anfängliche Ansprechen auf BoNT bei 75 %. Nach Monat 6 zeigten 60 % eine klinische Verbesserung, 27 dieser 33 Patienten nach nur einer Injektion (Cuillière et al., 1997). Im Allgemeinen zeigten Studien, die die Langzeitwirkung (12 Monate oder darüber) untersuchten, ein höheres Wiederauftreten der klinischen Symptome bei Patienten, die BoNT erhielten, im Vergleich zu denen, die einer pneumatischen Dilatation unterzogen wurden (Muehldorfer et al., 1999; Vaezi et al., 1999). Jedoch wurden in einigen BoNT-Studien in bestimmten Untergruppen gute Ergebnisse erzielt. In einer prospektiven Studie mit 20 Patienten im Mindestalter von 60 Jahren, die an verdrehtem („tortuous“) Megaösophagus oder epiphrenischem Divertikel litten, die ein höheres Endoskopierisiko aufwerfen, wurde nach 6 Wochen bei 80 % der Patienten ein klinisches Ansprechen beobachtet. Nach mehreren Injektionen zeigte sich eine anhaltende klinische Response bei 70 % nach der Nachsorge nach median 2 Jahren (Spannweite: 5-48 Monaten) (Wehrmann et al, 1999). In allen Studien wurde ein allgemein positives Nebenwirkungsprofil von BoNT beobachtet. (Eine geringfügige Nebenwirkung, die auf das Injektionsvolumen selbst zurückzuführen ist, ist vorübergehender Brustschmerz [Gui et al., 2003]). Weitere neuere klinische Studien, die verschiedene Dosierungen, mehrere Injektionen und verschiedene Injektionsstellen verwendeten, haben ein breites Spektrum von Ergebnissen erzielt. Im Allgemeinen ist das kurzzeitige Ansprechen der Patienten sehr gut, aber die Wirksamkeit lässt im Zeitverlauf ohne wiederholte Injektionen nach (Tabelle 1). Tabelle 1. Neuere klinische Studien zur BoNT-Therapie für Achalasie
OL = Open Label; DB = doppelblind; RP = randomisierte Prüfung; N = Anzahl Patienten Diese Studien zeigten, dass die BoNT-Behandlung eine kurzzeitige Linderung der Achalasiesymptome bei der Mehrheit der Patienten (65 % bis 100 %) erzielen kann (Gui et al., 2003; Brisinda et al., 2004). Die Langzeitwirkung von BoNT bei Achalasie wird derzeit untersucht. Während mehrere Studien nahe legen, dass die Langzeitwirkung von BoNT unter der von pneumatischer Dilatation und Operation liegt (Ghoshal et al., 2001; Mikaeli et al., 2001; Bansal et al., 2003; Zaninotto et al., 2004a), berichten andere Prüfer, dass eine optimale BoNT-Wirkung wiederholte Injektionen erfordern kann (Annese et al., 2000; D’Onofrio et al., 2000), und noch andere Studien weisen darauf hin, dass eine einzige BoNT-Behandlung eine Langzeitwirkung liefern kann (Martínek und Špičák, 2003; Friedenberg et al., 2004). Die Ergebnisse einiger Studien weisen darauf hin, dass bestimmte Patientengruppen möglicherweise bessere Kandidaten für BoNT als andere sind. Eine Studie ergab, dass das Vorliegen einer starken Achalasie ein unabhängiger Prädiktor für Ansprechen ist (Annese et al., 2000). Eine weitere Studie stellte fest, dass BoNT bei Patienten mit normalem Druck des unteren Ösophagussphinkters (LES) nicht erfolgreich ist, empfahl jedoch BoNT als alternative Behandlungsoption bei hochgefährdeten Patienten wegen des Fehlens schwerwiegender Nebenwirkungen nach 28 Injektionen (D’Onofrio et al., 2000). Eine weitere Studie, die die Ergebnisse von Wehrmann et al. aus dem Jahre 1999 wiederholte, weist darauf hin, dass BoNT möglicherweise eine vorteilhafte Therapie ist bei Patienten mit Megaösophagus und/oder epiphrenischem Divertikel und bei komplizierten oder fehlgeschlagenen Versuchen einer pneumatischen Dilatation, insbesondere bei Patienten mit erhöhtem Operationsrisiko (Ghoshal et al., 2001). Andere Studien empfehlen BoNT für Patienten, die nicht für eine Operation geeignet sind, oder als Überbrückung für endoskopische oder chirurgische Therapien (Bansal et al., 2003; Zaninotto et al., 2004a). Alle Studien zur BoNT-Therapie für Achalasie stellen fest, dass BoNT im Allgemeinen sicher war und nur minimale Nebenwirkungen hatte. Insgesamt gesehen stellt die BoNT-Therapie eine wichtige Therapiealternative für die Achalasiepatienten dar, die keinen invasiveren Verfahren unterzogen werden können oder die nicht zu solchen Eingriffen bereit sind.
Chronische AnalfissurChronische idiopathische Analfissur ist eine häufige und schmerzhafte Störung, die durch Vorliegen eines gut zirkumskripten Ulcus im distalen Analkanal mit persistierenden Symptomen über einen Zeitraum von über 2 Monaten gekennzeichnet ist (Maria et al., 1998a; Maria et al., 1998b). Chronische Analfissur (CAF) ist die Folge einer Kontraktion des internen Analsphinkters und ist konsistent mit Schmerzen aufgrund von Sphinkterspasmus verbunden. Zusätzlich zu diesen Schmerzen gehen Fissuren in der Regel mit geringen Mengen hellroter Rektalblutung einher. Obstipation ist eine Begleiterscheinung bei nur 20 % der Patienten (McCallion und Gardiner, 2001). Aktuelle BehandlungsoptionenTherapien, die den inneren Sphinkterdruck verringern und den Blutfluss erhöhen, wurden zur Behandlung von Analfissuren eingesetzt (Arroyo et al., 2005). Spasmuslinderung wurde mit Schmerzlinderung und Fissurheilung ohne Wiederauftreten assoziiert (Nelson, 2004). Der am häufigsten verwendete Ansatz zur Spasmuslinderung ist eine operative Therapie mit einer Reihe von Verfahren, darunter Dehnung, offene laterale Sphinkterotomie, geschlossene laterale Sphinkterotomie, posteriore Mittellinien-Sphinkterotomie und, in geringerem Ausmaß, Fissurabdeckung durch Hautlappen ("dermal flap") (Nelson, 2004). Sphinkterotomie schwächt den internen Sphinkter dauerhaft und hat eine Erfolgsrate von >90 %, ist jedoch mit einer hohen Inkontinenzrate verbunden, was Anlass zur Suche nach alternativen medizinischen Behandlungen gibt (Nelson, 1999; Arroyo et al., 2005). Nicht-chirurgische Optionen zur Behandlung von CAF umfassen topisch angewandte Nitroglyzerinsalbe zur Förderung der Heilung von Fissuren durch Erhöhung des lokalen Blutflusses sowie BoNT-Injektion. Jedoch sind Kopfschmerzen eine häufig auftretende Nebenwirkung von topisch angewandtem Nitroglyzerin. In einer Studie wurden 60 % der Patienten, die eine topische Nitroglyzerinbehandlung erhielten, geheilt, aber bei 49 % von ihnen traten Kopfschmerzen auf (Jonas et al., 2002a). Klinische Studien zu Botulinumneurotoxin-Therapie für chronische AnalfissurEvidenzbasierte AuswertungenEine evidenzbasierte systematische Auswertung verfügbarer CAF-Behandlungen stellte eine bessere Heilung mit BoNT gegenüber Placebo oder gegenüber topisch angewandtem Nitroglycerin fest (Jonas und Scholefield, 2002b). Eine andere Auswertung, die die Ergebnisse einer Studie von Brisinda et al. aus dem Jahr 1999 herausstellte, kam ebenfalls zu dem Schluss, dass BoNT CAF wirksamer heilt als topisches Nitroglycerin und dass die Vorteile der BoNT-Therapie gegenüber einer chirurgischen Behandlung eine geringere Zahl an Langzeitkomplikationen und Vermeidung von stationärer Behandlung umfassen (Brisinda, 1999; McCallion und Gardiner, 2001). Klinische Studien zu Botulinumneurotoxin-Therapie für chronische AnalfissurZahlreiche Studien haben die Wirksamkeit von BoNT zur Behandlung von CAF beurteilt; diese Studien reichen von Open-Label-Studien bis hin zu randomisierten, placebo- und aktivkontrollierten Studien. Die in den 1990er Jahren durchgeführten Studien beurteilten die Sicherheit und Wirksamkeit von BoNT in der Behandlung von CAF und die Erfolgsraten lagen im Bereich von 44 % bis 100 % (Maria et al., 1998a; Maria et al., 1998b; Jost, 1997; Brisinda et al., 1999; Minguez et al., 1999, Madalinski et al., 1999). BoNT-A zeigte eine bessere Wirksamkeit als Placebo oder Nitroglycerin. Weiterhin wurden keine unerwünschten Wirkungen bei mit BoNT behandelten Patienten im Vergleich zu den mit Nitroglycerin behandelten Patienten beobachtet, wobei bei letzteren mäßige bis schwere Kopfschmerzen auftraten (Brisinda et al., 1999). Studien neueren Datums haben nach 6 Wochen eine größere therapeutische Wirksamkeit von BoNT, gefolgt von dreimal täglicher topischer Anwendung von Isosorbiddinitrat, im Vergleich zu alleiniger BoNT-Injektion berichtet (Lysy et al., 2001); sie haben auch eine größere Wirksamkeit von BoNT im Vergleich zu Lidocain-Creme in der Behandlung von CAF-Patienten berichtet (Colak et al., 2002). Eine weitere randomisierte, doppelblinde Prüfung von CAF-Patienten berichtete frühzeitigere und höhere Erfolgsraten für höhere BoNT-Dosen ohne vermehrte Komplikationen oder Nebenwirkungen (Brisinda et al., 2002) (Tabelle 2). Tabelle 2. Neuere klinische Studien zu BoNT-Therapie für chronische Analfissur
OL = Open Label; DB = doppelblind; DBPC = doppelblind, placebokontrolliert; RT = randomisierte Prüfung; N = Anzahl Patienten *Alle anderen Studien wurden mit BOTOX® durchgeführt. Eine weitere Studie neueren Datums ergab, dass wiederholte BoNT-Injektionen erforderlich waren, um eine Langzeitwirksamkeit zu erzielen (Godevenos et al., 2004). In dieser Studie erhielten 45 Patienten BoNT-Injektionen (20 E) in den Analsphinkter. Zwei Monate nach der ersten Injektion war bei 8 Patienten der Schmerz nach Defäkation verschwunden und eine vollständige Heilung eingetreten; eine Reduktion wurde bei den restlichen 37 Patienten beobachtet, die dann eine zweite Injektion (25 E) erhielten. Zwei Monate später waren die Analfissuren bei 27 dieser Patienten komplett verheilt. Diese Autoren weisen darauf hin, dass eine Langzeitnachsorge zur Beurteilung der Wiederauftrittsrate der Fissur erforderlich ist. Im Gegensatz zu Studien, die die Wirksamkeit von BoNT in der CAF-Behandlung belegen, berichtete eine neuerliche Studie mit Patienten, die 100 E der Dysport-Formulierung von BoNT-A erhielten, keine Unterschiede in der Wirksamkeit, unerwünschten Wirkungen oder Wiederauftreten im Vergleich zu einer einmaligen BoNT-Injektion und Placebo an einem beliebigen Nachsorgezeitpunkt (Siproudhis et al., 2003). Mehrere Studien haben die Langzeitwirksamkeit von BoNT bei der CAF-Behandlung untersucht. Langzeit-Nachsorgestudien von mit BoNT behandelten Patienten kamen zu erfolgreichen Ergebnissen für einen Zeitraum von bis zu 42 Monate, obgleich manche Patienten wiederholte Injektionen erforderten (Jost, 2002; Minguez et al., 2002; Arroyo et al., 2005). Ein erhöhtes Risiko für ein Wiederauftreten von Analfissuren wurde mit anteriorer Lage der Fissur, längerer Dauer der Erkrankung, Notwendigkeit der Reinjektion, zur endgültigen Heilung erforderlicher höherer Gesamtdosis und einer geringeren Reduktion des maximalen Pressdrucks nach der Injektion in Zusammenhang gebracht (Minguez et al., 2002). Arroyo et al. haben erst kürzlich die Wirksamkeit und Morbidität von BoNT bei der Behandlung der chronischen Analfissur bei 100 Patienten über einen 3-jährigen Nachsorgezeitraum analysiert. Diese Verfasser identifizierten eine Untergruppe von Patienten mit klinischen (Symptome dauern länger als 12 Monate an) und manometrischen (persistent erhöhter mittlerer Ruhedruck) Faktoren, die mit einer höheren Rekurrenz von Fissuren verbunden waren. Sie legen nahe, dass BoNT als erster therapeutischer Ansatz bei CAF-Patienten mit Inkontinenzrisikofaktoren erwogen werden kann, und zwar mit wiederholter BoNT-Injektion bei den Patienten mit Risikofaktoren für eine Rekurrenz. Oddi-Sphinkter-DysfunktionOddi-Sphinkter-Dysfunktion ist eine seltene Störung, die durch im oberen Bauchraum lokalisierte, wiederkehrende Schmerzen gekennzeichnet ist, wobei diese Schmerzen in der Regel biliärer oder pankreatischer Natur sind (Mandal und Robinson, 2001). 10 % bis 20 % der Postcholezystektomie-Patienten sind in der Regel von Oddi-Sphinkter-Dysfunktion betroffen (Brisinda et al., 2004; Gui et al., 2003; Linder et al., 2002; Mandal und Robinson, 2001; Sherman und Lehman, 2001). Die Störung wird im Normalfall anhand eines erhöhten basalen Sphinkterdrucks (≥ 40 mm Hg) diagnostiziert und kann zu Pankreatitis, chronischen Schmerzen im rechten oberen Quadranten und erhöhten Leberfunktionstests führen (Friedenberg et al., 2004). Die Standardbehandlung für Oddi-Sphinkter-Dysfunktion ist endoskopische Sphinkterotomie (Wehrmann et al., 1998). Neueste Studien haben jedoch nachgewiesen, dass eine endoskopische BoNT-Injektion in die Vater-Papille eine sichere Methode ist, um den Druck des unteren Oddi-Sphinkters zu verringern und ca. 80 % der Patienten mit pankreatischer Oddi-Sphinkter-Dysfunktion kurzzeitige Erleichterung zu bringen (Wehrmann et al., 2000). Wehrmann et al. stellten fest, dass die therapeutische Reaktion auf BoNT ein Prädiktor für ein erfolgreiches Ergebnis einer endoskopischen Sphinkterotomie bei Patienten mit Oddi-Sphinkter-Dysfunktion war und dass sie daher ein nützliches Diagnosehilfsmittel zur Auswahl von Patienten wäre, die mit größter Wahrscheinlichkeit von einer Sphinkterotomie profitieren würden. Wenn die Senkung des Sphinkterdrucks nicht zu einer Schmerzlinderung führt, ist es möglich, dass eine Oddi-Sphinkter-Dysfunktion nicht die Ursache der Symptome ist und dass eine Sphinkterotomie aller Wahrscheinlichkeit nach kein positives therapeutisches Ergebnis haben wird (Wehrmann et al., 1998; Wehrmann et al., 2000). Eine Studie neueren Datums untersuchte die Möglichkeit, dass eine BoNT-Injektion zur Verminderung der pankreatischen Sphinkter-Hypertonie im Anschluss an eine biliäre Sphinkterotomie verwendet werden könnte, um somit die Inzidenz von verfahrens-induzierter Pankreatitis zu reduzieren (Gorelick et al., 2004). Im Anschluss an eine Sphinkterotomie wurden Patienten im Zufallsverfahren einer Behandlung mit BoNT-Injektionen in den Pankreassphinkter oder einer Behandlung mit Scheininjektion (Kochsalzlösung) in das Duodenallumen zugewiesen. In der Scheininjektionsgruppe trat bei 43 % der Patienten eine Pankreatitis auf, im Vergleich zu 25 % der Patienten in der BoNT-Gruppe, jedoch waren die Ergebnisse statistisch nicht signifikant. Weitere Studien sind erforderlich, um die Validität dieser Ergebnisse zu ermitteln. Zukünftige und in der Entwicklung befindliche Magen-Darm-Anwendungen der BoNT-TherapieDie Ergebnisse mehrerer kleiner Open-Label-Prüfungen weisen darauf hin, dass BoNT die Symptome von Gastroparese, eine Motilitätsstörung des Magens, die zu verzögerter Magenentleerung führt, bessern kann (Lacy et al., 2002; Miller et al., 2002a; Ezzedine et al., 2002). Das Grundprinzip für die BoNT-Anwendung bei dieser Störung beruht auf der Hypothese, dass BoNT-Injektionen in den M. sph. pyloricus zu einem verringerten Pyloruswiderstand und Symptomverbesserung führt. Weitere Studien legen nahe, dass BoNT sich aufgrund seiner Fähigkeit zur Reduktion des Muskeltonus in den Zielbereichen als nützlich bei nicht achalasiebedingten, spastischen Ösophagus-Dysmotilitätssyndromen erweisen könnte. In diesem Bereich wurden aber erst unkontrollierte Studien mit geringem Umfang durchgeführt (Zhao und Pasricha, 2003). Eine Reihe von Fallstudien haben BoNT in der Behandlung von cricopharyngealer Dysphagie beurteilt - eine Störung, die durch unvollständige oder unzureichend koordinierte Öffnung des oberen Ösophagussphinkters in der pharyngealen Schluckphase gekennzeichnet ist (Zhao und Pasricha, 2003). Obwohl die vorläufigen Ergebnisse der Fallstudien viel versprechend sind, fehlt es dennoch an kontrollierten Prüfungen. Mehrere andere potentielle Anwendungen der BoNT-Therapie für Magen-Darm-Störungen rechtfertigen weitere Untersuchungen. Zum Beispiel: oropharyngeale Dysphagie (Schonweiler und Rapp, 2005; Zaninotto et al., 2004b); nicht kardial bedingte Brustschmerzen (Wong und Fass, 2004; Miller et al., 2002b); postoperativer Pylorusspasmus (Wiesel et al., 1997); Obstipation (obstruktiv) (Maria et al., 2001; Ron et al., 2001); Hirschsprung-Krankheit (Langer und Birnbaum, 1997; Minkes und Langer, 2000); Reizdarmsyndrom und proctalgia fugax (Hansen, 2003; Katsinelos et al., 2001). Vor kurzem durchgeführte Tierversuche legen nahe, dass BoNT sich auch für die Behandlung von Adipositas durch Hemmung des willkürlichen und unwillkürlichen Glattmuskels eignen könnte. In einer Studie an Ratten, die nach Botulinuminjektionen an Gewicht verloren, wurde postuliert, dass eine langsame Magenentleerung zu frühzeitiger Sättigung und somit reduzierter Nahrungsaufnahme führt (Gui et al., 2000). In einer späteren placebokontrollierten Studie an Ratten nahm man an, dass die reduzierte Gewichtszunahme nach BoNT-Injektion mit der beeinträchtigten Verdauungsfähigkeit verbunden ist, die durch die Hemmung der Magensäuresekretion und andere Mechanismen vermittelt wird (Runfola et al., 2003). Im Zuge der fortlaufenden Erweiterung des Spektrums der BoNT-Indikationen für Magen-Darm-Erkrankungen müssen weitere kontrollierte klinische Prüfungen durchgeführt werden, um seine Sicherheit und Wirksamkeit bei verschiedenen Störungen zu ermitteln. Literaturhinweise und weiterführende Literatur Annese V, Basciani M, Borrelli O, Leandro G, Simone P, Andriulli A. Intrasphincteric injection of botulinum toxin is effective in long-term treatment of esophageal achalasia. Muscle Nerve. 1998;21:1540-1542. Annese V, Bassotti G, Coccia G, et al. A multicentre randomised study of intrasphincteric botulinum toxin in patients with oesophageal achalasia. GISMAD Achalasia Study Group. Gut. 2000;46:597-600. 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